Lebendig, Leben, Lernen

Ein Rückblick zum 12.Klass-Spiel „Jagdszenen“

Zu fröhlicher Blasmusik betreten wir den Theaterraum, den Dorfplatz, der von Holzgerüsten in Form von Häusern gesäumt ist – eine Kirche gibt es auch. Wer keinen Sitzplatz hinter den Häusern findet, macht es sich an Biertischen gemütlich, genau wie das Ensemble der 12.Klasse später auch. Doch mit der Festzeltstimmung ist es schlagartig vorbei. Die ganze Klasse singt „Frieden, Frieden, hinterlasse ich Euch“ ein Stück aus den „Gesängen aus Taizé“ – welch ein großartiger Klassenchor!

Und dann nehmen die „Jagdszenen“ ihren Lauf. In dem vom Krieg geschundenen Dorf ist sich jeder selbst der Nächste, jeder versucht, wieder normal zu leben, gesehen zu werden und irgendwie dazuzugehören. Das gelingt dem einen besser als dem anderen, aber es gibt auch die, denen verweigert wird, dazuzugehören: die Flüchtlingsfamilie anderen Glaubens, die eine neue Heimat sucht; die hart arbeitende Tagelöhnerin Barbara, die ihren Sohn verleugnet, weil er homosexuell ist und ihn schließlich verrät; ihr Sohn Abram, der versucht, seine Liebe zu Männern zu unterdrücken, um sich eine Zukunft im Dorf aufzubauen, mit Dienstmädchen Tonka. Die schöne junge Frau trägt all ihre guten Hoffnungen in ihrem Bauch – sie erwartet ein Kind von Abram.
Die Bäuerin Maria weiß nicht, ob ihr Mann aus dem Krieg zurückkommt. Abram arbeitet für sie, genau wie ihr Knecht Volker, für den sie mehr empfindet, als das Dorf ihr erlaubt – und mehr als ihr Sohn Rovo erlaubt.

 

2019 12klassspiel

 

Den geistig behinderten Jungen hat der Krieg schwer traumatisiert, die Hoffnung auf die Rückkehr seines Vaters hält Rovo am Leben. Als ihm diese genommen wird, nimmt Rovo sich das Leben. Auch Abram steht bald mit dem Rücken an der Wand und ermordet Tonka, eine Verzweiflungstat, wofür er gerichtet wird. Seine Mutter Barbara verlässt das Dorf, aus dem auch die Flüchtlinge vertrieben werden. „Oh, dieses Dorf! In der Hölle kann es auch nicht schlimmer werden!“, klagt Volker. Aber am Ende ist für das Dorf alles gut, alle Fremdkörper wurden entfernt.

Mit wie viel Kreativität, Kraft und Wahrhaftigkeit die Schüler dieses Stück auf die Bühne gebracht haben, ist beeindruckend. Und trotz des schweren Stoffes ist es ihnen gelungen, ihr Publikum zum Lachen zu bringen, ob mit dem quietschenden Fleischwolf in der Fleischfabrik oder mit dem Sonnenlied, oder wenn der Pfarrer in herrlich rheinländischer Mundart behauptet, die Triebe zu unterdrücken, „kann isch auch“. Selbst wenn Rovo, in kindlicher Wiederholung, Tonka als „Hure“ beschimpft und sich dabei hinter Abram versteckt, muss man schmunzeln. Aber nicht lange und besonders nicht während der Albträume, die den inneren Kampf der Figuren für uns noch schmerzvoller spürbar machten. Ein exzellenter Kunstgriff dieser herausragenden 12. Klasse und ihres wunderbaren Regisseurs Marcus Lachmann.

Das Klassenensemble wollte sozialkritisch sein. Das ist ihnen mit diesem Lehrstück gelungen. Die Gesellschaft hat sich seit der Uraufführung des Stückes im Jahr 1966 verändert, sie hat um Toleranz gekämpft, erfolgreich. Aber nicht überall. Und Toleranz ist – wie in unseren Tagen leider immer mehr spürbar – eine fragile Angelegenheit, die gut gepflegt werden muss, genau wie der Frieden. „Meinen Frieden gebe ich Euch, Euer Herz verzage nicht...“, sang der wunderbare Klassenchor am Ende erneut. Dann wurde es dunkel. Ich hörte jemanden sagen: „Da kann man fast nicht klatschen.“ Mir ging es genauso, weil es so „verdammt“ gut war! Danke für einen unvergesslichen Abend!

Mandy Cankaya
Pressearbeit FWS Oberberg

 

 

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